Geschichte einer Verhinderung Der Sage nach begann es im Dom. Wo sonst als im zentralen Kultur- und Kommunikationstempel Paderborns sollten neue Ideen ihren Anfang nehmen? Und wie neu sie war! Flugblätter bei der Weihnachtsmesse! Das hatte es noch nie gegeben, das sorgte für Aufregung, war unerhört. Zu Weihnachten 1968 also war die damals vielbeschrieene "Studentenbewegung" in Paderborn angekommen. Sie mobilisierte jedoch weniger die Studenten als die Schüler, Lehrlinge und jungen ArbeiterInnen der Stadt. In deren Kreisen war die "projektgruppe fröhliche weihnachten" zu suchen, die den Paderbornern US-Napalm und hungernde Biafra-Kinder unter den Weihnachtsbaum legte. Aufmüpfige junge Leute hatte es allerdings schon früher gegeben. Aus den 50er, 60er Jahren hört man von Aktionen zum 1. Mai, und im Falkenheim der SJD am Hopfenweg 13 fand schon in den Nachkriegsjahren die kritische Jugend einen Platz. Anfang 1968 war dann als Treffpunkt der "galerie-club" am Tegelweg hinzugekommen, wo Heinrich Röper "Kunst und Politik unter ein Dach" bringen wollte. Letztere sprengte jedoch den Rahmen. Die zunehmende Politisierung der BesucherInnen, die Ansprüche an ein selbstbestimmtes, nicht konsumorientiertes Leben brauchten mehr Freiraum, als der Club zu bieten hatte. Mehr sogar, als alle Freizeitstätten der Stadt zu bieten hatten. Ein eigenes Haus für die neuen Ideen - schon Weihnachten 1968 stand es auf vielen Wunschzetteln. Erst einmal nahm man mit dem Falkenheim vorlieb, das bald aus allen Nähten platzte. 1970 - inzwischen war an der Gesamthochschule eine Studentenbewegung herangewachsen - öffnete ebenfalls am Tegelweg mit dem PASST ein Laden, der Freiräume und Möglichkeiten, sich zu engagieren, versprach. Dies jedoch vor allem Studenten - Schüler, Lehrlinge, Arbeiter blieben außen vor. Die hatten sich inzwischen in SMV-Gremien, APO-Zirkeln und Zeitungsgruppen zusammengefunden. Mit Straßenaktionen, Demos und Streiks machten sie von sich reden. Für die nötige Musik, die zur "Vermenschlichung der Freizeit" (Flugblatt) dazugehört, sorgten Rockgruppen wie "Percy's Strawberry Gang" oder "Manxome's Theory", deren Mitglieder ebenfalls politisch aktiv waren. Die Konzerte im Cheruskerhof und im Laurentiusheim versammelten dann alles, was sich kultur- und kommunikationsmäßig mit Weihrauch nicht zufriedengeben wollte. Erster Versuch: das Jugendzentrum Wie gesagt - ein Haus mußte her. Die "Szene" raufte sich zusammen und gründete am 22.11.1972 den Verein "Jugendzentrum Paderborn". Vorstand und Mitgliederliste wiesen heute noch bekannte Namen auf, deren "prominenteste" Klaus Thüsing, Ulrich Göke, Andreas Kertscher, Horst Schulze, Winfried Eberhardt, Prof. Dr. Arno Klönne, Josef Brink, Prof. Dr. Frank Benseler, Prof. Dr. Gerd Michels und Liese Kohaupt sind. Als "Ziel" wurde formuliert: "Schaffung eines freien, von Parteien, Verbänden und Verwaltungen weitgehend unabhängigen Jugendzentrums mit den entsprechenden Räumen, einem hauptamtlichen Sozialarbeiter und einem engagierten Programm". Außerdem wollte man "emanzipatorische Bildungsinhalte" vermitteln, "um Jugendlichen Selbständigkeit und Kritikvermögen nahezubringen" (WV 30.3.73). Und von Anfang an wollte man die "Randgruppen" einbeziehen - ausländische Kollegen, Obdachlose, kriminalisierte Jugendliche usw. Schnell wurde das Vorhaben bekannt. Und gleich regte sich der Widerstand. Die katholische Innenstadtjugend verteidigte vehement die kirchliche Jugendarbeit als völlig ausreichend. Der heute als Puppenspieler bekannte Uwe Natus, damals JU-Mitglied, fühlte sich bemüßigt, der Initiative kommunistische Unterwanderung zu unterstellen. Und ein Briefschreiber vermutete sogar, man wolle "ein Jugendzentrum zum Krawallmachen und Verführen junger Menschen und besonders junger Mädchen". Im Mai 1973 befaßte sich der Stadtrat mit dem Plan. Nicht gerade begeistert. Die Paderborner Jugend sei mit den vorhandenen Freizeitmöglichkeiten durchaus zufrieden, hatte das Jugendamt ermittelt. Außerdem gebe es das HOT Marienstraße, und das PASST werde auch schon gefördert. Doch das HOT bot ein Programm, das höchstens 15jährige zufriedenstellte und war darüber hinaus völlig ausgebucht, und im PASST waren Nicht-Studenten ungern gesehen. Das Anliegen wurde in den Jugendwohlfahrtsausschuß verwiesen und verschwand in der Versenkung. Bei dessen nächster Sitzung stand es gar nicht erst auf der Tagesordnung. Doch die Antragsteller halfen dem Gedächtnis der Ratsherren auf: "50 Langhaarige und ein Hund stürmten Rathaus" titelte das WV am nächsten Tag. In der nächsten Ratssitzung wurde die Verwaltung beauftragt, Pläne für ein Freizeit- und Jugendzentrum zu erstellen und "dem Rat die stufenweise Realisierung dieses Objektes aufzuzeigen." Daraus wurde dann - Jahre später - das HOT am Maspernplatz, das noch heute die meiste Zeit leersteht. Was in anderen Städten schon damals gut und mit kommunaler Unterstützung funktionierte - Weberei in Gütersloh, AJZ in Bielefeld, KOMM in Nürnberg... -, sollte in Paderborn nie so richtig zustande kommen. Was nicht daran lag, daß es keine Leute gab, die von "ihrem" selbstverwalteten Zentrum träumten und bereit waren, jahrelang darum zu kämpfen. Viele ließen sich aber auch vertreiben, flohen vor paderstädtischer Borniertheit in lebendigere Städte. Das und die allfälligen ideologischen Auseinandersetzungen untereinander führten zu regelmäßigen Aderlässen in den Gruppen, die Dribusch und Konsorten die Verhinderungsarbeit leicht machte. Wie das aussieht, beschreibt einer der Beteiligten: "Damals schon wie auch in der Auseinandersetzung mit dem Kukoz waren sich die Stadtoberen und der Jugendwohlfahrtsausschuß mit seinem Möchtegernpatriarchen Dribusch an der Spitze nicht zu schade, über das Westfälische Volksblatt die plumperten Verdrehungen, Halbwahrheiten, Lügen und Verteufelungen der abweichenden Meinung zu verbreiten. Die Unfähigkeit, sich anders als in Schützenfestreden politisch auseinanderzusetzen, wendet sich bis heute nicht gegen sie, sondern ihre politische Macht treibt die Stadt in die Provinzialität und uns in die Ohnmacht und dann eben in größere Städte, ins ‚Private' oder in die ‚Realpolitik'." (KuKoZ-Broschüre 1988) Zweiter Versuch: das KuKoZ
Trauriges Zwischenspiel: die Brauerei-Villa Damals stand auf dem Gelände des heutigen "Bürgerparks" an der Borchener Straße die "Brauerei-Villa" leer, von der Stadt als "Bürgerzentrum" vorgesehen, für das ein Betreiber gesucht wurde. Zusammen mit dem KuKoZ meldeten 40 Initiativen ihr Interesse an, das Zentrum gemeinsam zu führen, legten Konzept und detaillierte Baupläne vor, und das Land NRW hatte bereits einen millionenschweren Zuschuß signalisiert. Die Stadt griff zum altbewährten Mittel der Verzögerung. Uni und Heinz Nixdorf halfen, indem sie das stimmungsvolle Haus als Gästehaus für die Uni reklamierten. Nachdem es bis Ende 1986 leergestanden hatte, wurde es jedoch abgerissen. Schon im Frühsommer des Jahres 1986 hatte das KuKoZ den Laden am Tegelweg schließen müssen. Die Stadt versagte jede Förderung und versuchte mit behördlichen Auflagen, dem Zentrum den Garaus zu machen. Mit der Kulturwerkstatt war es ihr gelungen, einen Keil zwischen die KuKoZ-Gruppen zu treiben. Der ständige Druck, die unbezahlte Arbeitslast hatten interne Querelen verstärkt, die Luft war raus. Neue Aktionen: Besetzung der "Bullenwache" Das zeigte auch die halbherzige Besetzung der ehemaligen Polizeiwache in der Ferdinandstraße im Juni 1986, die drei Tage lang bei vielen ehemaligen KuKoZ-BesucherInnen den Traum vom neuen Zentrum nährte. Die Disco in der Bullenwache geriet mit ihrer Symbolkraft zum lang ersehnten Ausdruck von "Freiheit und Glück" (Besetzermotto). Doch noch bevor die Verhandlungen mit dem Land abgeschlossen waren und ohne großen Druck von außen wurde das Objekt aufgegeben. Wieder lief alles auseinander. Man traf sich in Kneipen, im HOT, sogar in der Kulturwerkstatt. Neue Gruppen und Initiativen wurden gegründet, immer unter Beteiligung ehemaliger KuKoZler, die noch heute ihre Spuren im städtischen Kulturleben und anderswo hinterlassen. "Haupterbe" der KuKoZ-Ideen wurde der Info-Laden an der Borchener Straße, der noch immer selbstverwaltet für emanzipatorische Aufklärung, politische Aktion und ambitionierte Musik sorgt. Besetzung des Bonifac-Geländes Von hier aus wurden die Wohnungslosen unterstützt, die Ende Oktober 1991 auf dem Bonifac-Gelände einige Häuser besetzt hatten. Zwar protestierten sie mit der prägnanten Forderung "Miethaie zu Fischstäbchen!" vor allem gegen die Vernichtung preiswerten Wohnraums für den "Konsumtempel" Libori-Galerie. Doch plante eine "Initiative für eine freie, selbstverwaltete Jugendkultur" in einer ebenfalls besetzten Autowerkstatt an der Kasseler Mauer ihre "Villa Rübezahl" als alternatives Kulturzentrum. Knapp vierzehn Tage dauerte diesmal der Traum, dann räumte die Polizei und die Stadt brachte die Obdachlosen in einem heruntergekommenen Anwesen unter, für das sie saftige Mieten kassierte. Längst ist es eine neue Generation Jugendlicher, die ihren Anspruch auf Selbstbestimmung wenn schon nicht ihrer Lebensbedingungen, so doch ihrer Freizeiteinrichtungen anmelden. Immer wieder einmal taucht bei Diskussionen und in Zeitungsartikeln die Forderung nach dem selbstverwalteten Zentrum auf. Es wird immer noch gebraucht: Veranstaltungsräume kosten fast überall Miete, Punkmusik wollen weder HOT noch "Kulte" im Haus haben, von einer Pflege heimischer Nachwuchskünstler kann keine Rede sein und die "Kultur" der Stadt wird von Jahr zu Jahr langweiliger. Besetzung der Feuerwache
Die vorerst letzte Eruption des Verlangens, das alles zu ändern, gab es an einem schönen Sonntagmorgen im April 1998, als einige mutige Leute aus dem Infoladen die leerstehende Feuerwache besetzten. Die Idee war gut. Von allen Seiten strömten die Sympathisanten zur Florianstraße, linke und alternative Gruppierungen sicherten ihre Unterstützung zu und die heimischen Kunstschaffenden versprachen Soli-Auftritte. Doch schon am Nachmittag rückte die Polizei an und beendete den Spuk. Das ist jetzt sieben Jahre her. Die "Alternativen" der Stadt geben sich mit dem "Zeltsommer" zufrieden und den ewig gleichen "Entertainern", die "Etablierten" haben zu Schützenfest und Libori noch die "Musica sacra" bekommen. Ein neuer Versuch, "die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen", steht an. Er wird nur gelingen, wenn diesmal Betreiber und Unterstützer zusammenhalten und das geplante Zentrum zwar städtisch gefördert wird, aber unabhängig vom Wohlwollen der Stadtväter und -mütter existieren kann. Ausführliche Berichte über die Auf- und Widerstände der frühen 70er sind in der "IM AUFBAU" nachzulesen (ab Heft 11; mit vielen Fotos), die im Paderborner Arbeitslosenzentrum (Hathumarstr. 28, Tel.: 05251/282472) noch zu haben ist. |
||||||||